Gedanken über Zirkuspädagogik

Liebe BAG Zirkuspädagogik,

die Zirkuspädagogik entwickelt sich weiter. Obwohl ich grundsätzlich Standardisierungen für problematisch halte, oder gerade deswegen, möchte ich meine Einschätzung zu der Umfrage abgeben um zumindest meine Erfahrung mit einfließen lassen zu können:

Wenn wir feststellen wollen, worin das Besondere der Zirkuspädagogik liegt, müssen wir als Erstes das Wesen des Zirkus bestimmen, und nicht überlegen, was Pädagogik ist. Es gibt viele Arten von Pädagogik und das, was Zirkuspädagogik ausmacht, z.B. im Vergleich zu Schulpädagogik oder auch Theaterpädagogik, liegt ja genau in der Eigenart des vorangestellten Begriffes „Zirkus-“.
Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: wenn ich einen blauen Wein entwickelt habe, also eine Blauwein, statt einen Rotwein oder Weißwein, und ich möchte jemandem klar machen, was das Besondere daran ist, dann darf ich nicht sagen, dass der Blauwein Alkohol enthält oder vergorener Traubensaft ist, weil das auf jeden anderen Wein auch zutrifft. Das Besondere am Blauwein ist, dass er blau ist.

Im Zirkus gibt es, wie in kaum einer anderen Kunstform einen Fokus, ein Zentrum, das ist die Manege und in der Mitte der Manege steht der Artist. Das, was er kann und zeigt, ist das Zentrum und der Fokus des Zirkus.
Das Besondere eines Zirkuspädagogen ist damit als Allererstes mit der Zirkustechnik des Artisten verbunden, mit der dieser die Zuschauer fokussiert.
Hier haben sich in den letzten 20 Jahren einige Techniken durchgesetzt, die besonders geeignet für die Zirkuspädagogik waren: Jonglage und Handgeschicklichkeiten, Einrad fahren und Balancetechniken, Akrobatik in sehr verschiedenen Formen und Fakirtechniken usw.
Im Gegensatz dazu gibt es klassische Techniken und Nummern im Zirkus, die im zirkuspädagogischen Bereich kaum auftauchen, z.B. die Tiernummern. Pferdenummern sind ja, auch aus historischer Sicht, kaum wegzudenken aus dem Circus, spielen aber bei der Zirkuspädagogik kaum eine Rolle.

Für mich steht damit fest, dass das besondere Interesse des Zirkuspädagogen in erster Linie der pädagogischen Vermittlung der Techniken Jonglage, Einrad fahren, Akrobatik usw. als Manegenfokus gelten muss. Alle anderen Tätigkeiten und Kompetenzen sind nicht spezifisch für den Zirkuspädagogen, sondern typisch für Pädagogen, Künstler oder Unternehmer ganz allgemein. Sie haben ihre volle Berechtigung in der Zirkuspädagogik, weil sie pädagogische Ziele verfolgen, begründen aber nicht die Eigenart der Zirkuspädagogik.
Umgekehrt formuliert, und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, muss sich offenbar in den Techniken selber, die sich in so besonderem Maße in der Zirkuspädagogik durchgesetzt haben, ein Potential befinden, das den pädagogischen Grund für den Erfolg darstellt. Dieses Potential sollte erfasst und instrumentalisiert werden (das könnte man auch noch in einem viel größeren Umfang als hier herausarbeiten) um das Wesen der Zirkuspädagogik zu bestimmen. Als Jongleur gehe ich z.B. ein großes Risiko ein, da Jonglage sehr anfällig für das Scheitern ist. Geht ein Kind mit diesem Bewusstsein in die Manegenmitte und präsentiert sich dem Publikum, dann lernt es, das Risiko einzugehen und zu gewinnen: es wird enorm gestärkt, nicht nur durch den beeindruckenden Beifall, sondern auch durch die Gewissheit, dass die eigene Leistung überzeugend gewesen ist. Dieser Gewinn ist einzig aus der Eigenart der Zirkustechnik Jonglage ableitbar.

Akrobatik und Einrad fahren oder ähnliches bieten zusätzlich durch die reale körperliche Herausforderung Gewinnchancen. Zirkuspädagogische Arbeit setzt bei diesen „Risiken“ am besten ein, wenn sie erfolgreich sein will.

Mir ist klar, dass das gesamte Umfeld der Arbeit der Zirkuspädagogik unbedingt zur Leistungsdarstellung dazugehört, dass zur Zirkuspädagogik auch die große Vielfalt der Arbeitsfelder und die Tatsache, dass Zirkus einen hohen Aufforderungscharakter hat und zum mitmachen einlädt (= Definition Besonderheiten der Zirkuspädagogik nach Michaela Damm), gehört, und dass der Erfolg einer Vorführung vor allem von ganz anderen Vorbereitungen abhängt (von der PR-Arbeit über die Motivation des Teams bis hin zum Popcornverkauf und zur Lichttechnik).
Wenn man aber von den ursprünglichen Techniken absieht und den Erfolg stets in anderen Faktoren und Umständen, in dem immer weiter gefassten Umfeld sucht, richtet man den Blick stets weg von dem eigentlichen, pädagogisch wirksamen Ursprung der Zirkuspädagogik.
(Je nachdem, wofür eine Standardisierung der Tätigkeiten dient, und wer der Empfänger und Leser der Ergebnisse eurer Umfrage ist, wird sich natürlich der Schwerpunkt der Leistungsdarstellung verschieben, aber im Fokus der Zirkuspädagogik steht für mich logischerweise der Artist und seine Zirkustechnik.)

Viele Grüße, Andreas Anders-Wilkens, Zirkusschule Windspiel-Nord,
LAG Bayern Gründungsmitglied

32 thoughts on “Gedanken über Zirkuspädagogik”

  1. Hallo Andi
    Ich sehe es auch so das in der Zirkuspädagogik der Zirkus im Mittelpunkt steht. Zirkus ist das Vorbild der Zirkuspädagogik, eine umfassende Ausseinadersetzung mit dem historisch gewachsenen Begriff Zirkus ist Grundvoraussetzung um sich einer Zirkuspädagogik zu nähern. Aber es ausschliesslich auf die Darstellung von Zirkuskünste (Bewusst nicht Bewegungskünste) zu reduzieren ist zu wenig. Zirkus hatte schon immer den Anspruch(besonders aus finanziellen Gründen) auch Laien Zirkuskünste näher zubringen.Uns muss bewusst werden das wir es immer mit Kindern-und Jugendlichen zu tun haben die sich bilden wollen, wenn wir eine Pädadgogik an den Begriff Zirkus hängen wollen. Zirkus so wie er historisch in Erscheinung tritt hat keine theoretisch Basis auf die wir und stützen können. Das ist das Problem, und wenn wir uns in den Haaren liegen wie und wo wir es Verorten wollen, wie eine Zirkuspädagogik in ihrem Selbstverständnis den nun aussieht, verkaufen wir den Zirkus. Wir definieren was nie definiert werden wollte. Daran müssen wir denken wenn wir eine Zirkuspädagogik konstruieren. Zirkus hat einen offenen Charakter schon immer gehabt, deswegen ist er auch nie untergegangen. Kusnezow meinte mal: Zirkus ist einen Vereinigung einer Vielfältigkeit innerhalb der Manege. Damit komme ich zu deiner Ausage zurück, es geht um die Mange und deren Inhalte. Zirkuspädagoik muss ihren offenen Charakter bewahren, sich aus allem bedienen was pädagogisch möglich ist aber sie sollte nie ein pädadgogisches Paradigma erzeugen, das sie erstarren lässt nur weil es heutzutage hip ist und leider auch gewollt. Als beispiel kann die Kulturpädagogik genommen werden. In den 70-80 Jahren total angesagt toll und heute eine alte Kamelle das Staub angesetzt hat. Nur Luft was sie will, was sie erreichen möchte und was sie eigentlich meint. Und mit dem Supermarktbegriff bzw. Erlebnispädagogik „Lernen mit Herz, Hand und Kopf“ kann man auch Staubsauger kaufen und Nasenbohren zu einem pädagogischen Konzept umfunktionieren. Es geht um die Manege in der mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird. Es geht um die Arbeit schlecht hin und da ist es egal ob ich es aus einer spiel-,moto-,erlebnis-,sport-,sozial-kulturpädagogischer Konzeption heraus betreibe, ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen in der Manege und zeige was ich kann, was ich gelernt habe.Und wenn die Konzeption dem Zuschauer, Träger, Öffentlichkeit und den Kindern- und Jugendlichen gefällt dann ist die Arbeit gut und kann fortgesetzt werden. Zirkus ist gekennzeichnet von seiner Vielfältigkeit das sich durch verschiedene Zirkuskünsten zeigt. Zirkuspädadgogik ist gekennzeichnet durch ihre Vielschichtigkeit das sich durch verschiedene Professionen zeigt. Es geht um die Wirklichkeit in der Manege, der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Keine Profession ist mehr wert als die andere, sie alle tragen dazu bei das Zirkuspädadgogik mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden. Und damit ist alles gesagt was zu sagen ist. Amen

  2. Hi Andi!
    Ist ja witzig…da stoße ich fast ein Jahr nach Veröffentlichung meines Buches auf diesen Blog-Eintrag und denke mir: 1. Du sprichst mir aus der Seele. und 2.: genau die Fragen, die du dir gestellt hast, habe ich mir auch gestellt und sie versucht zu beantworten. Hast du denn mittlerweile mal in meine Veröffentlichung geschaut? Sie ist ja im März 2009 erschienen, also 2 Monate nach diesem Eintrag. Wäre cool, wenn du mir Rückmeldung geben würdest, was du von meinen „verqueren“ Gedanken zum Thema hälst. Aber wenn ich mir das oben so durchlese, denke ich, dass wir genau auf einer Welle liegen…;O).
    By the way…was macht die EJC-Vorbereitung? Ach ja und: Schöner Auftritt neulich bei Galileo. Ich habs zufällig gesehen und war sehr angetan von deiner Melonen-Moped-Akrobatik *g.

    Schöne Grüße
    Matze

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